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ADHS bei Erwachsenen: Darf ich den Verdacht äußern – und warum Selbst-Erkennen schon ein wichtiger Schritt ist🌸🌸🌸🌸🌸

  • Autorenbild: andrea maierhofer
    andrea maierhofer
  • vor 15 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit
Sie fühlen es nur, wenn Sie es irgendwie kennen
Sie fühlen es nur, wenn Sie es irgendwie kennen

Andrea Maierhofer, 05.04.2026, (5 Min Lesezeit)






Viele Menschen stellen sich heute die Frage: Könnte ich ADHS haben? Oft entsteht dieser Gedanke nicht in der Arztpraxis, sondern beim Lesen, Hören oder Sehen von Erfahrungsberichten – häufig auch über Social Media.


Manche Betroffene kommen dann mit einem inneren Konflikt: „Ich will ernst genommen werden. Ich bilde mir das doch nicht ein. Ich bin nicht wegen eines Hypes hier.“ Und darf ich sagen, meine Quelle ist Social Media, oder ist das dann gleich unseriös?


Nein. Denn genau hier beginnt ein wichtiger Prozess: Selbstbeobachtung, Einordnung und Klärung. Egal woher und es gibt einen Grund, warum uns etwas berührt und warum nicht.


In diesem Artikel geht es um eine häufige Unsicherheit: Darf ich überhaupt ADHS vermuten? Darf ich mich in Symptomen wiedererkennen?


Und warum ist dieses „Aha-Erlebnis“ bereits prognostisch relevant – unabhängig davon, ob am Ende wirklich eine ADHS-Diagnose gestellt wird?



Darf ich ADHS haben – und darf ich den Verdacht aussprechen?


Ja. Sicher. Dürfen Sie ADHS haben. Und Sie dürfen es auch vermuten.


Es ist absolut legitim, in einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Abklärung zu sagen:


• „Ich habe den Verdacht, dass ich ADHS haben könnte.“


• „Ich erkenne mich in vielen Beschreibungen wieder.“


• „Ich möchte das professionell abklären lassen.“


Das ist keine unzulässige Selbstdiagnose, sondern ein Ausdruck von Selbstwahrnehmung und Verantwortungsbewusstsein.


Viele Patient:innen sind sogar erleichtert, wenn sie endlich einen Begriff finden, der ihre lebenslangen Schwierigkeiten besser erklärt als „Faulheit“, „Chaotischsein“ oder „mangelnde Disziplin“.



Warum rechtfertigen sich viele Patientinnen („Ich komme nicht wegen Social Media“)?


In der Praxis hört man häufig Sätze wie: „Ich komme nicht wegen TikTok – mir geht es wirklich schlecht.“


Diese Rechtfertigung ist meist ein Zeichen dafür, wie groß die Angst ist, nicht ernst genommen zu werden. Aber bei der Psychiaterin werden Sie ernst genommen.


ADHS ist gesellschaftlich noch immer mit Vorurteilen belegt. Viele Menschen haben über Jahre vermittelt bekommen:


• „Du musst dich halt mehr zusammenreißen.“


• „Du bist intelligent, warum schaffst du das nicht?“


• „Du bist zu sensibel, zu chaotisch, zu impulsiv.“


Gerade Frauen erleben häufig, dass ihre Symptome lange übersehen oder fehlinterpretiert werden. Nicht selten erhalten sie stattdessen Diagnosen wie Depression, Angststörung oder Burnout – ohne dass die eigentliche Ursache erkannt wird.


Wenn Social Media dann plötzlich Inhalte liefert, die sich „treffend“ anfühlen, entsteht zwar Hoffnung – aber gleichzeitig auch Scham.

Viele haben Angst, als „mitgerissen“ oder „trendgesteuert“ oder " auch dem Hype erlegen" zu gelten.


Dabei ist entscheidend: Der Auslöser für die Frage ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Frage gestellt wird.



Darf ich mich in ADHS-Symptomen wiedererkennen?


Ja – und das ist oft ein sehr ernstzunehmendes Signal. Denn meist berührt uns nur tief, was wir lange schon kennen und wir intrinsisch wahrnehmen.


Viele Erwachsene berichten, dass sie beim Lesen über ADHS das erste Mal das Gefühl hatten:


• „Das bin ich.“


• „So fühlt sich mein Kopf an.“


• „Ich dachte immer, ich bin einfach falsch.“


Dieses Wiedererkennen ist häufig kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich jemand zum ersten Mal in einer Erklärung wiederfindet, die nicht abwertend ist.


Allerdings ist wichtig: Wiedererkennen ist nicht gleich Diagnose.


Viele Symptome von ADHS überschneiden sich mit anderen Belastungen wie:


• Depression


• Angststörung


• Trauma / komplexe PTBS


• Schlafmangel


• chronischer Stress


• hormonellen Veränderungen (z.B. Menopause)


• Autismus-Spektrum


Gerade deshalb ist die professionelle Abklärung so wertvoll. Und auch mit ADHS können alle oben genannten Symptome und Krankheitsbilder gleichzeitig vorkommen, ADHS alleine ist meist selten. Komorbiditäten sind häufig! Heißt im Klartext, auch wenn Sie eine der genannten Krankheiten schon diagnostiziert haben, können sie ZUSÄTZLICH ADHS haben, schließt sich nicht aus.



Warum sind „Aha-Erlebnisse“ prognostisch so relevant?


Viele Betroffene unterschätzen, wie stark sich Prognose und Verlauf verbessern können, wenn ein Mensch plötzlich erkennt:


„Ich bin nicht faul. Ich kämpfe mit einem neurobiologischen Muster.“


Dieses Aha-Erlebnis kann der Beginn von Heilung sein – selbst bevor eine Diagnose bestätigt ist.



1. Scham wird zu Verständnis


Wenn Menschen jahrelang glauben, sie seien „nicht belastbar“ oder „zu dumm für Alltag“, entsteht tiefe Selbstabwertung. Das führt häufig zu Depressionen oder Erschöpfung.

Das Wiedererkennen kann diesen Kreislauf unterbrechen.



2. Man beginnt, sich selbst anders zu behandeln


Wer versteht, dass das Problem nicht mangelnder Wille, sondern ein anderes Funktionsprinzip ist, sucht passende Strategien statt Selbstvorwürfe.



3. Es entsteht Motivation für gezielte Veränderung


Viele Menschen haben jahrelang „alles versucht“ – aber am falschen Punkt.

Ein neues Verständnis kann zu wirksamen Maßnahmen führen: Struktur, Alltagshilfen, Therapie oder medikamentöse Unterstützung.



„Das Gefühl war immer schon da“ – warum sich ADHS oft so tief vertraut anfühlt


Ein typischer Satz von Betroffenen lautet:


„Ich habe das immer so gefühlt – aber nie erklären können.“


Viele erleben seit der Kindheit:


• innere Unruhe oder Getriebenheit


• ständige Überforderung


• Probleme mit Organisation


• emotionale Überreaktionen


• Konzentrationsprobleme


• extremes Aufschieben


• Reizoffenheit und schnelle Erschöpfung


• wiederkehrendes Scheitern trotz hoher Intelligenz


Social Media oder Bücher geben dafür manchmal erstmals Worte. Das bedeutet nicht, dass die Symptome „eingebildet“ sind – sondern dass sie endlich sprachlich greifbar werden.



Wie läuft die Diagnostik von ADHS bei Erwachsenen ab?


Eine seriöse ADHS-Diagnostik besteht nicht aus einem kurzen Fragebogen, sondern aus mehreren Bausteinen.


1. Ausführliches Anamnesegespräch


Hier wird besprochen:


• aktuelle Beschwerden


• Alltag, Beruf, Beziehungen


• typische Muster (z.B. Chaos, Prokrastination, Impulsivität)



2. Entwicklungsanamnese (Kindheit und Jugend)


ADHS beginnt nicht erst im Erwachsenenalter. Deshalb wird gefragt:


• Wie war die Schulzeit?


• Gab es Probleme mit Aufmerksamkeit oder Verhalten?


• Wurden Dinge vergessen, verloren, verschoben?


• Gab es Konflikte, emotionale Überreaktionen?



Oft helfen alte Zeugnisse oder Berichte von Angehörigen.( Denn viele erinnern sich nicht mehr allzu gut an die Volkschulzeit)



3. Strukturierte Fragebögen und Screeningtests


Diese dienen zur Ergänzung, aber nicht als alleinige Grundlage.



4. Differentialdiagnostik


Sehr wichtig ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, z.B.:


• Depression


• Angststörungen


• Traumafolgestörungen


• Bipolare Störung


• Autismus-Spektrum


• Suchterkrankungen


• Schlafstörungen oder körperliche Ursachen



5. Einschätzung des Leidensdrucks und der Funktionsbeeinträchtigung


Aber alle kommen wegen dem Leidensdruck.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Haben Sie Symptome?“

Sondern auch: Wie sehr beeinträchtigen sie Ihr Leben?



Was passiert, wenn die Diagnose ADHS bestätigt wird?


Viele Patient:innen erleben die Diagnose als emotionalen Wendepunkt. Häufig kommt neben Erleichterung auch Trauer: über verlorene Jahre, Missverständnisse, falsche Selbstbilder.


Die Diagnose ist jedoch kein „Label“, sondern eine Grundlage für gezielte Behandlung.


Typische nächste Schritte sind:



Psychoedukation : Verstehen, wie ADHS funktioniert – besonders im Erwachsenenalter.


Struktur und Alltagshilfen: ADHS wird selten durch „mehr Disziplin“ besser, sondern durch Systeme:


• Routinen


• Reminder und Kalender


• Priorisierung


• klare Rahmenbedingungen



Psychotherapie oder ADHS-Coaching


Therapie kann helfen bei:


• Selbstwertproblemen


• emotionaler Regulation


• Prokrastination


• Umgang mit Überforderung



Medikamentöse Behandlung


Stimulanzien oder Alternativen können die Konzentration verbessern und das innere Chaos reduzieren. Ziel ist nicht „ruhig stellen“, sondern das Gehirn in eine bessere Steuerungsfähigkeit zu bringen.



Und wenn es am Ende kein ADHS ist?


Auch dann war die Abklärung nicht „umsonst“.

Denn das Wiedererkennen zeigt, dass ein Problem existiert – und dass es eine Erklärung braucht.

Wenn ADHS ausgeschlossen wird, kann der Blick frei werden für andere Ursachen wie:


• Depression


• Angststörung


• Trauma


• chronische Erschöpfung


• hormonelle Dysregulation


• Schlafstörungen


Auch das ist prognostisch wertvoll, weil es zu einer passenderen Behandlung führt.



Fazit: Ja, Sie dürfen sich wiedererkennen – und ja, Sie dürfen es abklären lassen


ADHS zu vermuten ist keine Modeerscheinung, sondern oft der Beginn eines wichtigen Prozesses: Selbstverständnis, Entlastung und gezielte Hilfe.


Wer sich in Symptomen wiedererkennt, ist nicht „leicht beeinflussbar“, sondern häufig jemand, der endlich Worte findet für etwas, das schon lange da war.






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Hanami

 
 
 

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