ADHS bei Frauen und Selbstwert: Warum sich Komplimente oft nicht echt anfühlen 💐💐💐
- andrea maierhofer
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Andrea Maierhofer, 06.06.2026, (4 Min Lesezeit)
Viele Frauen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung kennen dieses Gefühl: Jemand macht ein ehrliches Kompliment — und trotzdem kommt es innerlich nicht an.
Statt Freude entstehen Zweifel:
● „Das meint sie sicher nicht ernst.“
● „Wenn er mich wirklich kennen würde …“
● „Das war nur Glück.“
● „Eigentlich bin ich gar nicht so.“
Besonders Frauen mit ADHS kämpfen häufig mit einem tief verletzten Selbstwertgefühl. Nicht selten beginnt diese Entwicklung bereits in der Kindheit — lange bevor die Diagnose gestellt wird.
Warum sich Komplimente für viele ADHS-Frauen so falsch anfühlen
Menschen glauben Komplimente leichter, wenn sie zum eigenen Selbstbild passen.
Viele Frauen mit ADHS haben jedoch über Jahre ein anderes inneres Bild von sich entwickelt:
● „Ich bin zu chaotisch.“
● „Ich bin anstrengend.“
● „Ich enttäusche andere.“
● „Ich kriege mein Leben nicht richtig hin.“
● „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Wenn dann jemand sagt:
„Du bist toll organisiert.“ oder „Du bist unglaublich kompetent.“
entsteht innerlich oft ein Widerspruch.
Das Gehirn sucht automatisch nach Gründen, warum das Kompliment „nicht stimmen kann“.
Viele Frauen werten Erfolge ab und schreiben sie Zufall, Glück oder äußerem Druck zu — während Fehler sofort als persönliches Versagen erlebt werden.
Wie früh wird der Selbstwert bei Frauen mit ADHS schon gestört?
Oft beginnt das erstaunlich früh.
Viele Mädchen mit ADHS fallen nicht durch starke Hyperaktivität auf, sondern eher durch:
● Tagträumen
● Vergesslichkeit
● emotionale Empfindlichkeit
● Unordnung
● langsames Arbeiten
● Überforderung
● soziale Unsicherheit
● starke Erschöpfung durch Anpassung
Nach außen wirken sie häufig „unorganisiert“, „zu sensibel“ oder „unkonzentriert“, obwohl sie sich innerlich enorm bemühen. Es ist dann immer irgendwie zu wenig. Die Anstrengung passt nicht zum Output.
Schon im Kindergarten oder in der Schule hören viele:
● „Du könntest mehr, wenn du wolltest.“
● „Streng dich einfach an.“
● „Warum bist du so empfindlich?“
● „Andere schaffen das doch auch.“
● „Du bist intelligent, aber faul.“
Das Problem dabei: Das Kind erlebt echtes Bemühen — die Umwelt interpretiert die Schwierigkeiten aber oft als mangelnden Willen.
So entstehen früh:
● Scham
● Selbstzweifel
● chronisches Versagensgefühl
● Angst, nicht zu genügen
Welche Aussagen verletzen Frauen mit ADHS besonders?
Am tiefsten treffen meist Aussagen von Menschen, deren Anerkennung ihnen sehr wichtig ist:
● Eltern
● Lehrer
● Partner
● Geschwister
● enge Freundinnen
Besonders schmerzhaft sind Sätze wie:
● „Du bist zu empfindlich.“
● „Mit dir ist immer alles kompliziert.“
● „Du hörst nie richtig zu.“
● „Warum kriegst du das nicht hin?“
● „Du bist so anstrengend.“
● „Reiß dich zusammen.“
● „Andere Frauen schaffen das doch auch.“
Viele Frauen mit ADHS entwickeln dadurch das Gefühl, dauerhaft „falsch“ zu sein.
Warum der Selbstwert bei ADHS oft so stark leidet
Das Entscheidende ist meist nicht ein einzelnes Erlebnis — sondern die ständige Wiederholung. Das prägt sich ein! "Wenn so viele es sagen, dann muss es wahrscheinlich stimmen!" So denken sie.
Viele Frauen erleben über Jahre:
1. hohe innere Anstrengung,
2. trotzdem Fehler oder Überforderung,
3. Kritik trotz Bemühen,
4. daraus Selbstabwertung.
Dazu kommt häufig sogenanntes „Masking“: Viele versuchen, ihre Schwierigkeiten zu verstecken, besonders angepasst zu wirken oder perfekt zu funktionieren.
Das kostet enorm viel Energie.
Nach außen wirken sie oft leistungsfähig — innerlich fühlen sie sich jedoch erschöpft, unsicher oder „nicht gut genug“.
Reicht Psychotherapie aus, um den Selbstwert aufzubauen?
Psychotherapie kann sehr viel bewirken:
● Entlastung
● Verständnis
● weniger Scham
● mehr Selbstmitgefühl
● Neubewertung der eigenen Lebensgeschichte
Viele Frauen erleben erstmals:
„Ich bin nicht faul. Mein Gehirn funktioniert anders.“
Das kann tiefgreifend sein.
Gleichzeitig reicht reine Einsicht manchmal nicht aus, wenn die ADHS-Symptome im Alltag weiterhin stark belasten. Und an eine ADHS Diagnose nicht einmal gedacht wird.
Denn wenn täglich erneut erlebt wird:
● Chaos,
● Vergessen,
● emotionale Überforderung,
● Prokrastination,
● Erschöpfung,
● Konflikte,
dann entstehen ständig neue „Beweise“ gegen den Selbstwert.
Selbstwert entwickelt sich nicht nur durch Verstehen — sondern auch durch neue positive Erfahrungen im Alltag.
Kann frühe ADHS-Medikation den Selbstwert schützen?
Eine frühzeitige Behandlung kann oft verhindern, dass sich schwere Selbstwertverletzungen über Jahre verfestigen.
Passende ADHS-Medikation kann helfen bei:
● Konzentration
● emotionaler Regulation
● Impulsivität
● Überforderung
● Alltagsstruktur
● sozialer Stabilität
Dadurch erleben Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene häufiger:
● „Ich schaffe Dinge.“
● „Ich kann mich steuern.“
● „Ich bin nicht dumm.“
● „Ich bin nicht faul.“
Das stärkt langfristig den Selbstwert.
Wichtig dabei: Medikamente „machen“ keinen gesunden Selbstwert. Sie können aber helfen, die dauernde Wiederholung negativer Erfahrungen zu reduzieren.
Warum die Diagnose oft emotional nicht sofort alles verändert
Viele Frauen erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter.
Die Erklärung bringt häufig große Erleichterung — aber alte Glaubenssätze verschwinden nicht sofort.
Rational entsteht vielleicht:
„Ich habe ADHS.“
Emotional bleibt oft noch lange:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Diese inneren Muster brauchen Zeit, Verständnis und neue Erfahrungen.
Was Frauen mit ADHS beim Selbstwert wirklich hilft
Besonders hilfreich können sein:
● psychoedukative ADHS-Therapie
● Selbstmitgefühl statt Selbstabwertung
● Verständnis für neurodivergente Bedürfnisse
● realistische Erwartungen an sich selbst
● passende Behandlung
● stabile, wertschätzende Beziehungen
● weniger Perfektionismus
● ein Umfeld ohne ständige Kritik
Viele Frauen beschreiben einen Wendepunkt, wenn sie beginnen zu verstehen:
Sie haben nicht „falsch gelebt“ — sondern jahrelang versucht, in einem System zu funktionieren, das ihre Art zu denken und zu fühlen nicht verstanden hat.
Das verändert oft nicht nur den Umgang mit ADHS — sondern auch den Blick auf sich selbst.




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