ADHS und Meetings: Warum Besprechungen so anstrengend sind – und wie Sie sich besser abgrenzen ⌚⌚⌚
- andrea maierhofer
- vor 11 Minuten
- 6 Min. Lesezeit

Andrea Maierhofer, 22.08.2026, (6 Min Lesezeit)
„Warum sind Meetings für mich so anstrengend, obwohl ich eigentlich nur zuhören muss?“
Diese Frage stellen sich viele Menschen mit ADHS. Besonders frustrierend kann sein, dass andere Menschen Besprechungen scheinbar problemlos aushalten – manche sie sogar mögen.
Für Menschen mit ADHS können Meetings dagegen zu einer regelrechten Belastungsprobe werden: zu viele Informationen, zu viele Reize, zu viele Wiederholungen, zu wenig Struktur und häufig viel zu wenig konkrete Problemlösung.
Das hat nichts mit mangelnder Motivation oder fehlender Teamfähigkeit zu tun. Es hat viel mit der Art zu tun, wie das ADHS-Gehirn Aufmerksamkeit, Reize und Informationen verarbeitet.
Warum sind Meetings für Menschen mit ADHS so anstrengend?
Ein Meeting verlangt gleichzeitig sehr viele unterschiedliche Fähigkeiten:
● zuhören
● Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden
● Informationen im Arbeitsgedächtnis behalten
● den roten Faden verfolgen
● irrelevante Reize ausblenden
● erkennen, wann eine Information relevant wird
● Impulse zum Unterbrechen kontrollieren
● auf Mimik und Körpersprache achten
● warten, bis man selbst sprechen kann
● gegebenenfalls Notizen machen
● gleichzeitig überlegen, ob und wann man selbst etwas beitragen sollte.
Das Problem: Bei ADHS funktioniert die automatische Steuerung der Aufmerksamkeit häufig weniger zuverlässig.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS sich nicht konzentrieren können. Im Gegenteil: Sie können sich oft sehr intensiv konzentrieren – insbesondere dann, wenn etwas interessant, neu, relevant oder unmittelbar bedeutsam ist.
Schwieriger ist die Steuerung der Aufmerksamkeit.
Und genau das wird in einem Meeting permanent verlangt.
„Ich höre einfach nur auf die wichtigen Dinge“ – warum das nicht so einfach funktioniert
Viele Menschen mit ADHS versuchen, sich selbst zu helfen:
„Ich höre einfach nur dann richtig zu, wenn etwas für mich relevant ist.“
Das klingt logisch. Das Problem ist: Damit das funktioniert, muss das Gehirn ständig überprüfen, ob etwas relevant ist.
Also:
Ist das wichtig? Nein. Oder vielleicht doch? Jetzt zuhören. Nein, doch nicht. Jetzt wieder ausblenden. Moment – was wurde gerade gesagt?
Dieses permanente Filtern kostet Energie.
Auch wenn Sie subjektiv das Gefühl haben, eigentlich „nur dazusitzen“, arbeitet Ihr Gehirn während eines Meetings intensiv daran, Informationen, Geräusche, Stimmen, Bewegungen und soziale Signale zu sortieren.
Das kann sehr ermüdend sein.
Warum nerven Wiederholungen bei ADHS so sehr?
Ein typischer Meeting-Klassiker:
Ein Problem wurde bereits erklärt. Eine Lösung wurde besprochen. Eine Entscheidung wurde getroffen.
Und zehn Minuten später beginnt jemand wieder von vorne.
Für viele Menschen mit ADHS ist das besonders schwer auszuhalten.
Das Gehirn fragt:
„Warum sind wir wieder am Anfang?“
Wenn keine neue Information hinzukommt, verliert die Situation schnell ihre Bedeutung.
Ähnlich kann es sein, wenn jemand eine Frage stellt, die bereits ausführlich beantwortet wurde.
Das kann sich für Menschen mit ADHS beinahe körperlich unangenehm anfühlen, weil die eigene Verarbeitung bereits weiter fortgeschritten ist.
Das Gehirn denkt:
Problem → Information → Lösung → erledigt.
Wenn das Gespräch dann wieder zurückspringt, entsteht ein Gefühl von Stillstand.
Warum erschließt sich die Logik mancher Meetings nicht?
Ein weiterer Grund für die Frustration: Nicht jedes Meeting verfolgt ausschließlich ein sachliches Ziel.
Menschen nutzen Besprechungen auch für:
● soziale Interaktion
● Beziehungspflege
● Zugehörigkeit
● gegenseitige Absicherung
● Darstellung der eigenen Position
● Anerkennung
● gemeinsames Nachdenken
● Austausch.
Für manche Menschen ist genau das angenehm.
Für Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Klarheit und Effizienz kann es dagegen schwer nachvollziehbar sein.
Dann entsteht schnell der Gedanke:
„Warum erzählen wir jetzt zehn Minuten lang, wie das Problem entstanden ist, wenn wir doch eigentlich besprechen sollten, wie wir es lösen?“
Beide Perspektiven können richtig sein.
Der eine Mensch braucht den ausführlichen Austausch, um zu einem Ergebnis zu kommen.
Der andere möchte möglichst schnell zum Ergebnis.
Warum manche Menschen Meetings sogar mögen
Das kann für Menschen mit ADHS besonders schwer verständlich sein.
„Wie kann man das freiwillig mögen?“
Für manche Menschen bedeutet ein Meeting:
● Kontakt zu anderen
● Abwechslung
● gemeinsames Denken
● soziale Anerkennung
● Einfluss nehmen
● Struktur im Arbeitstag
● das Gefühl, Teil eines Teams zu sein.
Für diese Menschen ist das Meeting nicht die Unterbrechung der eigentlichen Arbeit.
Das Meeting ist ein Teil der Arbeit.
Menschen mit ADHS erleben die gleiche Situation möglicherweise völlig anders.
Das bedeutet nicht, dass sie weniger teamfähig sind.
Sie brauchen häufig einfach eine andere Art von Zusammenarbeit.
ADHS und Reizüberflutung: Warum Meetings sensorisch erschöpfen können
Reizüberflutung bedeutet bei ADHS nicht nur, dass etwas „zu laut“ ist.
Es kann eine Überlastung der gesamten Informationsverarbeitung entstehen.
In einem Präsenzmeeting müssen Sie möglicherweise gleichzeitig verarbeiten:
● mehrere Stimmen
● Hintergrundgeräusche
● Bewegungen im Raum
● Papier- oder Tastaturgeräusche
● Licht
● Gerüche
● Mimik
● Körpersprache
● Präsentationen
● schriftliche Informationen
● gesprochene Informationen.
Wenn das Gehirn diese Reize nicht ausreichend priorisieren kann, entsteht irgendwann eine Art kognitive Überlastung.
Das kann sich äußern durch:
● starke Müdigkeit
● innere Unruhe
● Gereiztheit
● Kopfdruck
● Konzentrationsverlust
● Abschalten
● das Gefühl, nichts mehr aufnehmen zu können
● erhöhtes Bedürfnis nach Ruhe
● emotionale Überreaktionen.
Manche Menschen sind nach einem einstündigen Meeting deshalb völlig erschöpft, obwohl sie körperlich kaum etwas getan haben.
Online-Meeting oder Präsenzmeeting: Was ist bei ADHS besser?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten.
Für Menschen mit ausgeprägter Reizempfindlichkeit kann ein Online-Meeting aber angenehmer sein.
Zu Hause lassen sich viele Reize kontrollieren:
● Kopfhörer verwenden
● Umgebung ruhig gestalten
● Licht selbst bestimmen
● Bewegungsreize reduzieren
● Abstand zum Bildschirm verändern
● zwischendurch kurz den Blick abwenden.
Ein Online-Meeting kann aber auch zusätzliche Ablenkungen bieten: E-Mails, Chats, mehrere Fenster oder das eigene Handy.
Entscheidend ist daher weniger die Frage:
„Online oder Präsenz?“
Sondern:
„Wie viele unnötige Reize muss ich gleichzeitig verarbeiten?“
Ein kurzes, strukturiertes Online-Meeting kann wesentlich angenehmer sein als eine große Präsenzbesprechung.
Warum entsteht schon vor dem Meeting Abneigung?
Wenn Meetings immer wieder mit Überforderung verbunden sind, kann das Gehirn eine Verbindung herstellen:
Meeting = Anstrengung + Langeweile + Reizüberflutung + Kontrollverlust + Erschöpfung.
Dann entsteht die Abneigung bereits vorher. " Nicht schon wieder!" denken viele.
Sie wissen aus Erfahrung:
„Das wird wieder anstrengend.“
Das erklärt, warum der Vorsatz „Diesmal mache ich es einfach anders“ häufig nicht ausreicht.
Die Abneigung ist nicht unbedingt mangelnde Bereitschaft.
Sie kann eine gelernte Reaktion auf wiederholte Überforderung sein.
Wie können Menschen mit ADHS sich bei Meetings besser abgrenzen?
Die Lösung sollte nicht immer darin bestehen, dass Menschen mit ADHS lernen, schlechte Meetings besser auszuhalten.
Oft ist es sinnvoller, die Bedingungen zu verändern. (Wenn die Möglichkeit und eine gewisse Einflussnahme besteht, wohlgemerkt).
1. Eine klare Agenda verlangen
Je klarer die Tagesordnung, desto leichter kann die Aufmerksamkeit gesteuert werden.
Hilfreich ist beispielsweise:
Was soll heute besprochen werden? Was soll entschieden werden? Was ist mein Beitrag?
2. Auf Lösungen fokussieren
Statt lange Problemgeschichten anzuhören, kann man freundlich fragen:
„Was brauchen wir jetzt konkret, um zu einer Lösung zu kommen?“
3. Wiederholungen begrenzen
Zum Beispiel:
„Das hatten wir bereits geklärt. Gibt es dazu eine neue Information?“
Das ist keine Unhöflichkeit.
Es ist eine sachliche Gesprächssteuerung.
4. Details auf das Notwendige reduzieren
Eine hilfreiche Frage ist:
„Was davon ist für die heutige Entscheidung relevant?“
Damit wird nicht die Person abgewertet – sondern die Information priorisiert.
5. Nicht an jedem Meeting teilnehmen
Eine wichtige Frage lautet:
„Brauche ich wirklich die gesamte Besprechung?“
Manchmal reicht es, nur bei einem bestimmten Tagesordnungspunkt dabei zu sein oder anschließend das Ergebnis zu erhalten.
6. Online Meetings nutzen, wenn sie weniger belastend sind
Wenn die eigene Reizbelastung dadurch deutlich sinkt, ist ein Online-Meeting keine „schlechtere“ Form der Zusammenarbeit.
Es kann eine sinnvolle Anpassung sein.
7. Nach dem Meeting Erholungszeit einplanen
Wenn ein Meeting regelmäßig erschöpft, sollte diese Belastung ernst genommen werden.
Nicht jedes „Ich brauche danach Ruhe“ bedeutet, dass jemand unsozial ist.
Manchmal bedeutet es schlicht:
Das Gehirn braucht nach intensiver Reiz- und Informationsverarbeitung eine Pause.
Das Ziel ist nicht, Meetings lieben zu lernen
Menschen mit ADHS müssen nicht lernen, Meetings genauso zu mögen wie ihre Kolleginnen und Kollegen.
Es geht vielmehr darum, herauszufinden:
Welche Form der Kommunikation ermöglicht mir, Informationen gut aufzunehmen, ohne mich dabei unnötig zu überlasten?
Ein ADHS-freundliches Meeting ist idealerweise:
Agenda → Problem → relevante Informationen → mögliche Lösungen → Entscheidung → Zuständigkeit → Ende.
Je klarer diese Struktur, desto weniger Energie muss für das Filtern unnötiger Informationen aufgewendet werden.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt:
Wenn Sie Meetings anstrengend finden, bedeutet das nicht automatisch, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Vielleicht ist einfach die Art, wie das Meeting organisiert ist, nicht besonders gut für die Art geeignet, wie Ihr Gehirn Informationen verarbeitet.
Wenn Sie sich in diesen Beschreibungen wiedererkennen, kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen, ob neben der Meeting-Problematik weitere typische ADHS-Merkmale bestehen. Gerade bei Erwachsenen wird ADHS häufig erst erkannt, wenn die bisherigen Strategien nicht mehr ausreichen.




Kommentare