Vergesslichkeit bei ADHS oder Burnout? Warum viele Frauen Angst vor Demenz haben – und was wirklich dahinterstecken kann ⏲️⏲️⏲️
- andrea maierhofer
- 1. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Andrea Maierhofer, 01.07.2026, (4 Min Lesezeit)
“Ich habe gerade den Schlüssel gesucht – und er steckte in meiner Hand.”
“Ich lese dieselbe Seite drei Mal und weiß trotzdem nicht, was darin stand.”
“Mir fallen ständig Wörter nicht ein. Habe ich vielleicht eine beginnende Demenz?”
Diese Sorgen höre ich in meiner Praxis häufig – insbesondere von Frauen zwischen 35 und 60 Jahren. Viele berichten über zunehmende Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme und das Gefühl, geistig nicht mehr leistungsfähig zu sein. Manche haben große Angst vor einer beginnenden Demenz oder der Alzheimer-Krankheit.
Die gute Nachricht ist: Hinter diesen Beschwerden steckt häufig etwas ganz anderes.
Wenn das Gehirn dauerhaft unter Stress steht
Unser Gehirn verfügt nur über begrenzte Ressourcen. Bei chronischem Stress, emotionaler Überlastung, Burnout oder einer langjährigen Erschöpfung ( durch unerkanntes ADHS, Multitasking, Familie, Beruf, Ständiges Über-Seine-Grenzen gehen,...) befindet es sich gewissermaßen im Dauer-Alarmmodus.
Die verfügbare Energie wird vor allem dafür eingesetzt, den Alltag irgendwie zu bewältigen. Für komplexe geistige Leistungen bleibt deutlich weniger Kapazität.
Besonders betroffen sind:
● Aufmerksamkeit
● Konzentration
● Arbeitsgedächtnis
● Planung und Organisation
● geistige Flexibilität
● der Abruf bereits gespeicherter Informationen
Das bedeutet nicht, dass Wissen verloren gegangen ist. Vielmehr gelingt der Zugriff darauf schlechter.
Viele Betroffene beschreiben ihren Zustand deshalb als “Gehirnnebel” oder “Brain Fog”.
Warum fühlt sich das wie Demenz an?
Die Beschwerden können sehr beunruhigend sein. Durch viele persönliche Erlebnisse und Filme kennen wir oft, wie Demenz aussehen könnte.
Typische Aussagen sind:
● “Mein Kopf ist wie in Watte gepackt.”
● “Ich kann mich auf keinen Text mehr konzentrieren.”
● “Ich lese dieselbe Seite immer wieder.”
● “Mir fallen einfache Wörter nicht ein.”
● “Ich gehe in einen Raum und weiß nicht mehr, warum.”
● “Ich vergesse ständig Kleinigkeiten.”
Oft entsteht dadurch die Angst, an einer beginnenden Demenz zu leiden.
Dabei handelt es sich häufig nicht um ein echtes Gedächtnisproblem, sondern um eine Störung der Aufmerksamkeit.
Was wird denn besonders häufig vergessen?
Viele Betroffene berichten über Schwierigkeiten mit alltäglichen Dingen:
● Termine
● Verabredungen
● Namen
● Telefonnummern
● Gesprächsinhalte
● Arbeitsaufträge
● einzelne Schritte komplexer Aufgaben
● wo Schlüssel, Handy oder Brille abgelegt wurden
Typisch ist außerdem:
● Man beginnt eine Tätigkeit und wird sofort abgelenkt.
● Man weiß später nicht mehr, ob man etwas bereits erledigt hat.
● Flüchtigkeitsfehler nehmen deutlich zu.
Das eigentliche Problem: Die Information wurde nie richtig gespeichert!
Bei stressbedingten Gedächtnisproblemen liegt häufig kein Verlust der Erinnerung vor.
Das Problem entsteht bereits beim Abspeichern.
Wenn unser Gehirn gleichzeitig mit Sorgen, Terminen, Konflikten und To-do-Listen beschäftigt ist, werden neue Informationen oft gar nicht vollständig aufgenommen.
Ein einfaches Beispiel:
Jemand erzählt Ihnen etwas, während Sie gedanklich bereits bei den nächsten fünf Aufgaben sind.
Später erinnern Sie sich nicht mehr daran.
Nicht, weil die Erinnerung verloren gegangen ist – sondern weil sie nie vollständig gespeichert wurde.
Fachleute sprechen hier von einem Enkodierungsproblem.
Burnout, schwere Depression und sogenannte “Pseudodemenz”
Der Begriff Pseudodemenz wird traditionell vor allem bei schweren Depressionen verwendet.
Betroffene können dabei erhebliche kognitive Einschränkungen zeigen:
● verlangsamtes Denken
● Konzentrationsstörungen
● Gedächtnisbeschwerden
● Entscheidungsschwierigkeiten
Auch bei chronischer Erschöpfung oder Burnout können sehr ähnliche Symptome auftreten.
Viele Betroffene berichten sogar, sie hätten Angst, an einer Alzheimer-Erkrankung zu leiden.
Ein wichtiger Unterschied besteht jedoch darin, dass sich stressbedingte Beschwerden häufig verändern. Eine neurologische Erkrankung ist fortschreitend, langsam oder schneller im Zeitverlauf.
Stressbedingte Beschwerden und Gedächtniseinbußen werden oft besser,
● nach einem Urlaub,
● an freien Tagen,
● nach ausreichend Schlaf,
● oder wenn die Belastung nachlässt.
Bei einer neurodegenerativen Erkrankung sind diese Schwankungen meist deutlich geringer.
ADHS bei Frauen: Wenn jahrelange Überforderung das Gedächtnis zusätzlich belastet
Besonders häufig beobachtet man diese Beschwerden bei erwachsenen Frauen mit einer bislang unerkannten ADHS.
Viele dieser Frauen haben ihr Leben lang versucht, ihre Schwierigkeiten durch enorme Anstrengung zu kompensieren.
Sie organisieren den Familienalltag, kümmern sich um Kinder, Beruf, Haushalt und oft auch um Angehörige. Nach außen wirken sie leistungsfähig – innerlich kostet sie das jedoch sehr viel Kraft.
Irgendwann reichen die Reserven nicht mehr aus.
Gerade in hormonellen Umbruchphasen, etwa in der Perimenopause, können die Symptome deutlich zunehmen.
Dann berichten viele Frauen plötzlich über:
● massive Vergesslichkeit
● Konzentrationsprobleme
● innere Unruhe
● Erschöpfung
● Brain Fog
● das Gefühl, geistig abzubauen
Nicht selten lautet der erste Gedanke:
“Ich bekomme bestimmt Demenz.”
Dabei steckt häufig eine Kombination aus ADHS, chronischer Überlastung, Schlafmangel, Stress und hormonellen Veränderungen dahinter.
Warum ADHS die Vergesslichkeit verstärken kann
Bei ADHS ist das Gedächtnis häufig gar nicht grundsätzlich schlechter.
Vielmehr funktioniert die Aufmerksamkeit anders.
Informationen werden leichter übersehen, unterbrochen oder nicht vollständig verarbeitet.
Typische Situationen sind:
● Der Autoschlüssel liegt im Kühlschrank.
● Man betritt einen Raum und hat sofort vergessen, weshalb.
● Man liest einen Absatz mehrfach.
● Gespräche “verschwinden”, weil man gedanklich abgeschweift ist.
● Termine werden vergessen, obwohl sie eigentlich wichtig waren.
Viele Betroffene sagen deshalb:
“Mein Gedächtnis funktioniert nur manchmal.”
Das ist tatsächlich ein typisches Merkmal.
Wenn ein Thema besonders interessant oder emotional bedeutsam ist, funktioniert das Erinnern oft erstaunlich gut.
Wann sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen?
Nicht jede Vergesslichkeit ist harmlos.
Eine ärztliche Untersuchung ist sinnvoll, wenn
● die Beschwerden neu auftreten,
● rasch zunehmen,
● den Alltag deutlich beeinträchtigen,
● Angehörige Veränderungen bemerken,
● oder Unsicherheit besteht.
Neben Stress und ADHS kommen auch andere Ursachen infrage, beispielsweise Schlafstörungen, Depressionen, Angststörungen, Vitaminmängel, Schilddrüsenerkrankungen oder neurologische Erkrankungen.
Eine sorgfältige Abklärung hilft dabei, die richtige Ursache zu finden und unnötige Ängste zu vermeiden.
Fazit
Vergesslichkeit bedeutet keineswegs automatisch Demenz.
Gerade bei chronischem Stress, Burnout oder einer bislang unerkannten ADHS berichten viele Frauen über erhebliche Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Diese können sich erschreckend anfühlen und große Angst auslösen.
Häufig liegt jedoch kein Verlust des Gedächtnisses vor, sondern ein Gehirn, das über lange Zeit unter Höchstbelastung gearbeitet hat und neue Informationen nicht mehr zuverlässig aufnehmen kann.
Die wichtigste Botschaft lautet deshalb vielleicht:
Wer plötzlich vergesslicher wird, sollte die Beschwerden ernst nehmen – aber nicht vorschnell vom Schlimmsten ausgehen. Eine sorgfältige medizinische Abklärung kann helfen, die Ursachen zu erkennen und passende Behandlungsmöglichkeiten einzuleiten. In vielen Fällen sind diese kognitiven Einschränkungen zumindest reversibel, wenn die zugrunde liegenden Belastungen erkannt und behandelt werden.




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