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ADHS bei Frauen: Warum manche Bücher verschlingen und Serien nicht abschalten können 📗📘📕📺📺📺

  • Autorenbild: andrea maierhofer
    andrea maierhofer
  • 17. Juni
  • 4 Min. Lesezeit
So spannend!
So spannend!

Andrea Maierhofer, 17.06.2026, (4 Min Lesezeit)







Viele Frauen mit ADHS erleben einen scheinbaren Widerspruch:
Im Alltag fällt Konzentration schwer, Aufgaben bleiben liegen, Gedanken springen ständig weiter – und gleichzeitig können sie stundenlang lesen, ganze Nächte Serien schauen oder komplette Buchreihen „verschlingen“. Was ist es? Hyperfokus, Selbstregulation oder Zeitverschwendung?


Manche sehen darin einen Beweis gegen ADHS: „Wenn ich mich so lange konzentrieren kann, kann ich doch kein ADHS haben.“

Andere schämen sich dafür: „Ich verschwende meine Zeit.“


Tatsächlich steckt dahinter oft etwas ganz anderes: ein Nervensystem, das Aufmerksamkeit anders reguliert.




ADHS bedeutet nicht „zu wenig Konzentration“ - ADHS wird häufig missverstanden.


Viele denken dabei an Kinder, die stillsitzen nicht schaffen oder schnell abgelenkt sind. Oder Erwachsene, die gut organisiert sind im Beruf jedenfalls, oft auch noch zuhause.

Aber besonders bei Frauen zeigt sich ADHS oft deutlich subtiler.


Das Problem ist meist nicht fehlende Aufmerksamkeit, sondern eine erschwerte Steuerung von Aufmerksamkeit.


Das bedeutet:


● unwichtige Dinge fühlen sich kaum aktivierbar an,


● interessante oder emotional bedeutsame Dinge können dagegen einen extrem starken Fokus auslösen.


Dieses Phänomen wird oft als Hyperfokus bezeichnet.




Warum können manche Frauen mit ADHS stundenlang lesen oder Filme schauen?


Lesen erfüllt bei vielen Betroffenen mehrere Funktionen gleichzeitig.


1. Das Gehirn bekommt genug Stimulation


Beim Lesen passiert sehr viel gleichzeitig:


● Bilder entstehen im Kopf,


● Emotionen werden aktiviert,


● Spannung baut sich auf,


● ständig kommen neue Informationen hinzu.


Für ein ADHS-Gehirn kann das genau die richtige Menge an Reiz sein.


Während Alltagsaufgaben oft als „zu leer“ empfunden werden, erzeugt ein gutes Buch kontinuierliche innere Aktivierung.




2. Lesen kann beruhigend wirken


Viele Frauen mit ADHS beschreiben:


● kreisende Gedanken,


● innere Unruhe,


● emotionale Überforderung,


● Reizüberflutung.


Ein Buch oder ein Film kann helfen, diese innere Aktivität zu bündeln.


Typische Aussagen sind:


● „Mein Kopf wird endlich ruhig.“


● „Ich tauche komplett ab.“


● „Ich kann endlich bei einer Sache bleiben.“


Lesen ist dann nicht bloß Unterhaltung, sondern oft auch Selbstregulation.




3. Hyperfokus kann das Zeitgefühl ausschalten


Hyperfokus bedeutet nicht „gute Disziplin“, sondern einen Zustand intensiver Einbindung.


Dabei kann Folgendes passieren:


● Zeit wird vergessen,


● Hunger oder Müdigkeit werden kaum wahrgenommen,


● Unterbrechungen fühlen sich unangenehm an,


● das Aufhören fällt extrem schwer.


Viele Frauen merken erst spät, dass sie ADHS haben, weil sie sich an solchen Interessen außergewöhnlich gut konzentrieren können.




Warum schaffen andere mit ADHS lesen und oder Filme sehen kaum?


Nicht jede Person mit ADHS erlebt Lesen/Filme als angenehm.


Manche berichten:


● nach wenigen Zeilen abzuschweifen,


● Sätze mehrfach lesen zu müssen,


● schnell müde zu werden,


● innere Unruhe beim Lesen zu spüren,


● Inhalte schlecht behalten zu können.


Auch das ist typisch für ADHS.


Aufmerksamkeit bei ADHS ist oft stark abhängig von:


● Interesse,


● emotionaler Beteiligung,


● Spannung,


● Neuheit,


● mentaler Aktivierung.


Deshalb kann jemand problemlos 800 Seiten Fantasy oder Thriller lesen, aber an einem Behördenbrief scheitern.




Warum sind Serien und Netflix-Marathons so schwer zu stoppen?


Streaming-Serien sind neuropsychologisch fast perfekt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden.


Cliffhanger und Dopamin


Jede Folge endet mit neuer Spannung. Das Gehirn erwartet sofort die nächste Belohnung.


Gerade bei ADHS spielt das Dopamin-System eine wichtige Rolle. Neue Reize, emotionale Spannung und Überraschungen können kurzfristig sehr aktivierend wirken.


Deshalb entsteht oft dieses Gefühl: „Nur noch eine Folge.“ Egal wie spät es schon ist und ob man am nächsten Tag Schule hat, lernen muss oder arbeiten gehen muss.




Übergänge sind bei ADHS oft schwierig


Viele Menschen mit ADHS haben Probleme mit Übergängen:


● anfangen,


● aufhören,


● wechseln,


● unterbrechen.


Eine Serie weiterzuschauen ist deshalb häufig leichter als:


● schlafen zu gehen,


● aufzuräumen,


● eine E-Mail zu beantworten,


● den Fernseher bewusst auszuschalten.


Das wird oft als fehlende Disziplin interpretiert, hat aber viel mit neuronaler Aktivierungssteuerung zu tun.




Serien können emotional regulierend wirken (ja, auch das!)


Viele Frauen nutzen Serien unbewusst zur:


● Entspannung,


● Reizregulation,


● emotionalen Beruhigung,


● Ablenkung von Gedankenkreisen,


● Verringerung von Einsamkeitsgefühlen und Möglichkeit zur Identifikation


Besonders vertraute Serien oder wiederholtes Anschauen bekannter Folgen wirken auf manche fast beruhigend wie ein „sicherer Ort“.




Ist das Stimming? (Repetition zur Beruhigung/Emotionsregulation im Autismusspektrum)


Teilweise kann intensiver Medienkonsum eine regulierende Funktion haben, die an Stimming erinnert.


Wiederkehrende Reize wie:


● bekannte Stimmen,


● vertraute Musik,


● vorhersehbare Handlungen,


● bestimmte emotionale Szenen


können das Nervensystem beruhigen und stabilisieren.




Warum wird diese Art der Betätigung/Freizeitgestaltung oft als unproduktiv oder als Zeitverschwendung angesehen?


Unsere Gesellschaft bewertet Produktivität sehr stark.


Konzentriertes Arbeiten gilt als sinnvoll.
Mehrere Stunden lesen oder Serien schauen dagegen schnell als „faul“ oder „unnötig“.


Dabei wird häufig übersehen:


● dass das Nervensystem dabei reguliert werden kann,


● dass emotionale Erholung stattfindet,


● dass Hyperfokus kein bewusst gewählter Zustand ist,


● dass Medienkonsum manchmal eine wichtige Bewältigungsstrategie darstellt.


Viele Frauen mit ADHS entwickeln deshalb Schamgefühle:


● „Ich verliere mich darin.“


● „Ich bekomme nichts auf die Reihe.“


● „Andere schaffen mehr.“


Dabei erfüllt das Verhalten oft eine nachvollziehbare psychische Funktion.




Wann wird Serienkonsum problematisch?


Nicht jede intensive Beschäftigung mit Büchern oder Serien ist automatisch problematisch.


Wichtig ist eher:


● Kann ich noch bewusst aufhören?


● Leiden Schlaf oder Alltag darunter?


● Nutze ich Serien ausschließlich zur Flucht?


● Entsteht danach Schuldgefühl oder Kontrollverlust?


Manchmal ist Serien-Schauen einfach:


● Hobby,


● Leidenschaft,


● Entspannung,


● emotionaler Rückzugsort.


Manchmal wird es jedoch auch zu einer Form von Überforderungsbewältigung oder Vermeidung.


Beides kann gleichzeitig existieren.




Fazit: ADHS-Aufmerksamkeit funktioniert anders


Frauen mit ADHS erleben Aufmerksamkeit oft nicht als konstant steuerbar, sondern als stark abhängig von:


● Interesse,


● emotionaler Aktivierung,


● Reizniveau,


● innerem Stress,


● Dopamin,


● Sicherheit und Regulation.


Deshalb können manche:


● komplette Bücher in einer Nacht lesen,


● Serien bis zum Morgen durchschauen,


● sich stundenlang in Geschichten verlieren,
während andere Aufgaben kaum begonnen werden können.


Das ist kein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Intelligenz.
Es zeigt vielmehr, wie stark das ADHS-Gehirn auf emotionale Bedeutung und innere Aktivierung reagiert.








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