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ADHS bei Frauen: Warum so viele High Performerinnen betroffen sind – und trotzdem kaum stolz auf sich sind

  • Autorenbild: andrea maierhofer
    andrea maierhofer
  • 8. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit
Eisschnelllauf
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Andrea Maierhofer, 08.04.2026, (4 Min Lesezeit)






Viele Menschen denken bei ADHS noch immer an ein hyperaktives Kind, das nicht stillsitzen kann. In der Realität zeigt sich ADHS bei Frauen jedoch oft ganz anders: stiller, subtiler – und paradoxerweise häufig verbunden mit beeindruckender Leistungsfähigkeit.


In der Praxis begegnen einem immer wieder Frauen, die beruflich viel erreichen, nebenbei studieren, mehrere Ausbildungen abschließen, musizieren (Geige, Cello, Harfe), künstlerisch tätig sind, Sport auf hohem Niveau betreiben oder sogar Extremsportarten ausüben.

Viele sind dazu noch empathisch, kreativ, freundlich, bescheiden – und wirken nach außen „vollkommen stabil“ und auch tough.


Und doch erzählen sie innerlich von Erschöpfung, Selbstzweifeln, ständiger Überforderung und dem Gefühl, nie genug zu sein.


Warum ist das so? Warum passt ADHS bei Frauen so oft zu Hochleistung – und gleichzeitig zu wenig Selbstwert und fehlendem Stolz?



ADHS bei Frauen wird häufig übersehen – weil sie funktionieren


ADHS bei Frauen bleibt oft jahrelang oder jahrzehntelang unentdeckt. Ein Grund ist, dass viele Betroffene schon früh lernen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren.


Während manche Jungen durch impulsives Verhalten auffallen, entwickeln viele Mädchen eine andere Strategie:


„Ich darf keine Fehler machen. Ich muss mich mehr anstrengen als andere.“


Das Ergebnis ist häufig eine scheinbar perfekte Außenwirkung: organisiert, leistungsfähig, sozial angepasst. Doch diese Stabilität ist oft nicht selbstverständlich, sondern hart erarbeitet.



Hochleistung als Kompensationsstrategie: „Wenn ich genug leiste, falle ich nicht auf“


Viele ADHS-Frauen berichten, dass sie schon früh das Gefühl hatten, „anders“ zu sein:


• schneller abgelenkt


• emotional intensiver


• chaotischer im Kopf


• vergesslicher


• überfordert durch Alltag


• nicht konstant in Motivation


Weil diese Schwierigkeiten nicht erklärt wurden (es dachte auch niemand an ADHS), entstand häufig ein inneres Narrativ:


„Mit mir stimmt etwas nicht – also muss ich mich besonders anstrengen.“


Hochleistung wird damit nicht nur Ehrgeiz, sondern eine Überlebensstrategie. Manche Betroffene funktionieren nicht trotz ADHS, sondern genau wegen dieser lebenslangen Kompensation.



ADHS und Perfektionismus: Wenn Fehler nicht erlaubt sind


Ein typisches Muster bei ADHS-Frauen ist ein hoher Perfektionismus. Dieser entsteht häufig nicht aus Arroganz oder Kontrollbedürfnis, sondern aus Unsicherheit.


Viele kennen das Gefühl:


• „Wenn ich nicht alles perfekt mache, vergesse ich etwas.“


• „Wenn ich nachlasse, bricht alles zusammen.“


• „Wenn ich mich nicht bemühe, enttäusche ich alle.“


Perfektionismus wird zu einem inneren Sicherheitsmechanismus, um Chaos, Vergesslichkeit oder emotionale Überforderung auszugleichen.



Warum viele ADHS-Frauen so kreativ und vielseitig sind


ADHS ist nicht nur eine Aufmerksamkeitsstörung. Es betrifft auch das Belohnungssystem, Motivation und Reizverarbeitung.


Viele Betroffene haben eine hohe Sensitivität für:


• Musik


• Kunst


• Sprache


• Ästhetik


• Emotionen


• Dynamik und Bewegung



Deshalb finden sich viele Frauen mit ADHS in Bereichen wie:


• Musik (z.B. Geige, Harfe, Klavier)


• Tanz, Eiskunstlauf


• Kunst und Design


• Schreiben, Fotografie


• Sport (besonders intensiver oder außergewöhnlicher Sport)


Kreativität ist oft nicht nur Begabung, sondern auch Regulation: Kreative Tätigkeiten bringen Flow – und Flow ist für viele ADHS-Gehirne ein Zustand, in dem plötzlich alles möglich ist.



Kennen Sie Brahms?
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Warum Sport (bis hin zu Extremsport) von Frauen mit ADHS so häufig ausgeübt wird


Viele ADHS-Frauen sind körperlich sehr aktiv oder treiben Sport auf hohem Niveau. Das hat neurobiologische Gründe:


Bewegung reguliert das Nervensystem, verbessert Fokus und Stimmung. Sport wirkt dabei wie eine natürliche Selbstmedikation:


• Dopamin steigt


• Stress sinkt


• innere Unruhe wird besser kontrollierbar


• Gedanken werden „klarer“


Manche Frauen berichten, dass sie ohne Sport kaum funktionieren – nicht weil sie diszipliniert sind, sondern weil Bewegung ihnen hilft, sich selbst zu stabilisieren.



Empathisch, nett, freundlich, bescheiden: Warum viele ADHS-Frauen besonders angepasst wirken


Viele Frauen mit ADHS wirken nach außen sehr freundlich, sozial kompetent und empathisch. Das ist teilweise Temperament – aber oft auch erlernte Anpassung.


Denn: Viele haben früh gemerkt: „Wenn ich nett bin, werde ich weniger kritisiert.“


Gerade bei emotionaler Sensitivität kann Kritik stark verletzen. Deshalb entwickeln manche Betroffene eine ausgeprägte Konfliktvermeidung und ein starkes Bedürfnis, anderen zu gefallen.

Dieses sogenannte „People-Pleasing“ ist nicht selten ein Schutzmechanismus.



Warum viele ADHS-Frauen wenig stolz auf sich sind


Das ist eines der zentralsten Themen.

Viele Betroffene leisten objektiv enorm viel – und fühlen sich innerlich trotzdem unzureichend.

Ein häufiger Grund: Erfolg wird nicht als stabile Fähigkeit erlebt, sondern als Ausnahmezustand.


Viele denken:


• „Ich habe es nur geschafft, weil ich mich gequält habe.“


• „Ich hatte einfach Glück.“


• „Andere würden das viel leichter schaffen.“


• „Wenn ich nicht ständig kämpfe, verliere ich alles.“


Erfolg wird dadurch nicht als Selbstwirksamkeit gespeichert, sondern als Stressreaktion. Das verhindert Stolz.



Hochfunktional – aber innerlich erschöpft: Das unsichtbare Leiden


Viele Frauen mit ADHS sind Meisterinnen darin, nach außen zu funktionieren. Doch innerlich berichten sie oft über:


• chronische Erschöpfung


• Selbstzweifel


• Schlafprobleme


• emotionale Überforderung


• Reizempfindlichkeit


• Chaos im Kopf


• innere Unruhe


• das Gefühl, ständig „zu viel“ oder „zu wenig“ zu sein



Viele entwickeln sekundär:


• Angststörungen


• Depressionen


• Burnout


• psychosomatische Beschwerden


Nicht weil sie schwach sind – sondern weil sie jahrelang über Kompensation gelebt haben.



ADHS bei Frauen wird oft erst spät erkannt –und wenn, dann besonders in Umbruchphasen


Ein häufiges Muster ist: Die Betroffenen kommen erst dann zur Abklärung, wenn das System kippt.


Typische Auslöser sind:


• Studium oder beruflicher Druck


• Geburt eines Kindes


• Trennung


• Wechseljahre / hormonelle Veränderungen


• Pflege von Angehörigen


• berufliche Mehrfachbelastung



Viele sagen dann:


„Ich habe immer funktioniert – aber plötzlich geht es nicht mehr.“

Das ist oft der Moment, in dem ADHS sichtbar wird.



Warum die Diagnose ADHS bei Frauen so entlastend sein kann


Eine ADHS-Diagnose ist für viele Frauen keine „Schublade“, sondern ein Wendepunkt.


Denn sie bedeutet:


• Es gibt eine Erklärung.


• Es gibt Muster.


• Es gibt Behandlungsmöglichkeiten.


• Es war nicht einfach nur „Charakterschwäche“.


Viele erleben nach der Diagnose eine Mischung aus Erleichterung und Trauer: Erleichterung, weil endlich Klarheit da ist – Trauer, weil so viele Jahre mit Selbstabwertung vergangen sind.



Fazit: ADHS bei Frauen ist oft Hochleistung – aber nicht ohne Preis


Viele Frauen mit ADHS sind beeindruckend leistungsfähig, kreativ, empathisch und vielseitig. Doch hinter dieser Stärke steckt oft eine lange Geschichte von Kompensation, Anpassung und innerem Kampf.


Wenn eine Frau viel leistet und gleichzeitig ständig zweifelt, erschöpft ist und sich selbst kaum anerkennen kann, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Denn manchmal ist das nicht „Perfektionismus“ oder „zu hohe Ansprüche“.

Manchmal ist es ADHS.








"Spitzentanz"

 
 
 

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