Borderline, Trauma und Dissoziation -Wenn Gefühle überwältigen und die Erinnerung bricht 💧💧💧
- andrea maierhofer
- 22. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Andrea Maierhofer, 22.01.2026, (3 min Lesezeit)

Wenn Gefühle plötzlich zu stark werden, kann es sich anfühlen, als würde innerlich alles überfluten. Gedanken verlieren ihre Ordnung, der Körper reagiert mit Anspannung oder Leere, und manchmal reißt sogar die Erinnerung ab.
Für viele Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder mit frühen traumatischen Erfahrungen ist dieses Erleben kein Ausnahmezustand, sondern Teil ihres Alltags.
Trauma hinterlässt Spuren nicht nur im Gedächtnis, sondern im gesamten Nervensystem und im Körper.
Gefühle werden intensiver wahrgenommen, schneller aktiviert und sind schwerer zu regulieren.
Dissoziation (Abspaltung von negativen Gefühlen und Schmerz (bis zum Erinnerungsverlust von Minuten bis Stunden) kann dabei eine unbewusste Schutzreaktion sein:
Wenn das Erleben zu überwältigend wird, zieht sich die Psyche zurück, schaltet ab oder trennt Wahrnehmung, Gefühle und Erinnerung voneinander. Was einst geholfen hat zu überleben, kann später jedoch verwirren, verunsichern und Angst machen.
Diese Dynamik – überwältigende Emotionen, innere Instabilität, Dissoziation und Erinnerungslücken – ist kein Zeichen von Schwäche oder „Unkontrollierbarkeit“.
Sie ist Ausdruck einer Geschichte, in der Sicherheit, Halt oder emotionale Spiegelung gefehlt haben. Dieses Verständnis ist ein wichtiger erster Schritt, um Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln und neue Wege im Umgang mit starken Gefühlen zu finden.
Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) berichten häufig von:
• intensiven Stimmungsschwankungen
• Schwierigkeiten, Beziehungen zu stabilisieren
• chronischem Gefühl von Leere oder innerer Anspannung
Psychiatrisch betrachtet entstehen diese Symptome oft nicht aus Schwäche, sondern als Anpassungsstrategie an frühe Traumatisierungen.
Trauma als Hintergrund
Viele Betroffene haben in der Kindheit oder Jugend traumatische Erfahrungen gemacht, z. B.:
• körperliche oder emotionale Misshandlung
• Vernachlässigung
• sexuelle Gewalt
• wiederholte emotionale Unsicherheit
Traumatische Erfahrungen prägen die Entwicklung des Gehirns und des Selbstgefühls.
Das bedeutet: Emotionale Überwältigung, impulsives Verhalten und Beziehungsschwierigkeiten sind nachvollziehbare Reaktionen.
Dissoziation – Schutzmechanismus der Psyche
Dissoziation ist ein Abschalten von Gefühlen, Gedanken oder Körperwahrnehmung, wenn die emotionale Belastung zu groß wird.
Typische Formen:
• Depersonalisation: „Ich fühle mich von mir selbst getrennt“
• Derealisation: „Die Welt um mich herum wirkt unwirklich“
• Amnesie oder Erinnerungslücken bei extremem Stress
Die meisten traumatisierten Menschen haben wenig oder keine Erinnerungen an die Kindheit (auch Schulzeit wird oft nicht oder nur bruchstückhaft erinnert).
Dissoziation ist kein Defizit, sondern ein Überlebensmechanismus, der bei Trauma oft lebenslang bestehen bleibt. Dieser erlernte und konditionierte Überlebensmechanismus macht Bindungen und Beziehungen schwer.
Einerseits ist da die Angst vor dem Verlassenwerden, vor Enttäuschung und Retraumatisierung, andererseits besteht ein grundsätzliches Misstrauen in Menschen und Beziehungen.
Deshalb ist es schwer sich zu öffnen, also besser nicht öffnen, so das Muster von Traumatisierten.
Warum BPS, Trauma und Dissoziation zusammen auftreten
• Traumatische Erfahrungen führen zu instabiler Selbstwahrnehmung
• Starke Gefühle werden nicht integriert, sondern fragmentiert
• Dissoziation entsteht als Notfallmechanismus, um Überforderung zu vermeiden
• Dies kann zu intensiven Konflikten in Beziehungen führen, die nach außen oft als „unberechenbar“ erscheinen
Psychiatrische Perspektive: Die Symptome sind adaptive Antworten auf extreme Belastung, nicht persönliche Schwäche.
Wie psychiatrische Unterstützung helfen kann
1. Validierung und Verständnis:
Zu verstehen, warum Gefühle und Impulse so intensiv sind, kann entlastend wirken.
Akzeptieren das das wirklich schlimm war, ohne Rechtfertigung und Rationalisierung.
"Es war schlimm. Punkt. Niemand sollte so etwas erleben! Und es hat nichts mit mir und meinem Wert zu tun, sondern mit dem Gegenüber". /_ \
2. Traumasensible Therapie:
Methoden wie DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie), EMDR oder stabilisierende Psychotherapie helfen, Gefühle zu regulieren und Dissoziation zu verringern.
3. Fokus auf Sicherheit:
Das Erlernen von Selbstschutzstrategien und stabilen Routinen reduziert emotionale Überwältigung.
4. Integration von Erfahrungen:
Mit professioneller Begleitung können traumatische Erinnerungen schrittweise verarbeitet werden, ohne dass Dissoziation zur ständigen Flucht wird.
5. Medikamente helfen, aufkommende Impulse zu erleichtern, depressive traurige Stimmungen zu verbessern.
Oft ist so erst eine Trauma oder Gesprächstherapie möglich. Medikamente machen nicht gefühlstaub - Sie minimieren nur eine überschießende Reaktion, die erschöpft und zuviel Kräfte raubt. Wichtig: Sie müssen nicht lebenslang eingenommen werden
Tipps für Angehörige und Betroffene
• Gefühle ernst nehmen: Intensive Emotionen oder Erinnerungslücken sind verständlich.
• Keine Schuldzuweisung: Dissoziation oder impulsives Verhalten ist ein Schutzmechanismus.
• Sichere Unterstützung suchen: Psychiatrische Begleitung, Trauma‑Therapie oder DBT-Kurse.
• Geduld mit sich selbst: Veränderungen und Stabilität entwickeln sich über Zeit.
Abschließende Gedanken
Borderline, Trauma und Dissoziation sind oft eng miteinander verknüpft!
Verstehen, dass diese Reaktionen adaptive Schutzmechanismen sind, kann Scham und Schuldgefühle reduzieren.
Als Psychiaterin ist es mir wichtig:
• die Erfahrungen der Betroffenen zu validieren
• Orientierung zu geben
• und gemeinsam Wege zur Stabilität und Lebensqualität zu entwickeln




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