ADHS bei Frauen -Warum sie lange unerkannt bleibt – Anpassungsstrategien, Erschöpfung, Auswirkungen auf Beruf & Partnerschaft
- andrea maierhofer
- 10. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Andrea Maierhofer, 10.1.2026, (2 min Lesezeit)
1. Warum ADHS bei Frauen oft lange unerkannt bleibt
ADHS wurde historisch vor allem anhand von Jungen mit hyperaktiv-impulsivem Verhalten beschrieben. Viele Frauen zeigen jedoch ein anderes Erscheinungsbild.
Typische Gründe für späte oder fehlende Diagnosen:
• Weniger äußere Hyperaktivität
sondern → eher innere Unruhe, Grübeln, Gedankensprünge
• Überwiegend unaufmerksamer Subtyp
sondern → Vergesslichkeit, Desorganisation, Tagträumen
• Hohe soziale Anpassung
sondern → Mädchen lernen früh, Erwartungen zu erfüllen
• Gute Schulnoten trotz hohem innerem Aufwand
sondern → Leistung maskiert die Störung
• Fehldiagnosen
sondern → Depression, Angststörung, Burnout, Borderline, PMS/PMDS
• Geschlechtsstereotype
sondern → „Sie ist sensibel, chaotisch, emotional“ statt neurodivergent
Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter, häufig im Rahmen einer Erschöpfung, Depression oder nach Diagnose des eigenen Kindes.
2. Typische Anpassungs- und Kompensationsstrategien („Masking“ genannt)
Frauen mit ADHS entwickeln oft über Jahre hochwirksame, aber kräftezehrende Anpassungs- Skills, um „zu funktionieren“.
Häufige Anpassungsstrategien sind:
Organisation & Kontrolle
• Überstrukturierung (Listen, Kalender, Reminder, To-Do-Listen)
• Perfektionismus als Schutz vor Fehlern
• Übermäßige Vorbereitung
Soziale Anpassung
• Starkes Bedürfnis nach Harmonie
• Übernahme von Verantwortung für andere
• Konfliktvermeidung, People-Pleasing
Emotionale Regulation
• Unterdrücken von Überforderung
• Selbstkritik statt äußerer Abgrenzung
• Humor oder Leistungsorientierung als Tarnung
Leistung & Überkompensation
• Hoher Einsatz bei gleichzeitiger innerer Instabilität
• Arbeiten „auf den letzten Drücker“ mit Stress als Motor
• Schwierigkeiten, Pausen zuzulassen
Diese Strategien sind nicht krankhaft, sie sind sogar eine Ressource, sondern Ausdruck hoher Anpassungsfähigkeit – sie haben jedoch einen hohen Preis.
3. Wann und warum Erschöpfung eintritt
Erschöpfung entsteht meist nicht plötzlich, sondern schleichend.
Typische Auslöser:
• Wegfall äußerer Struktur
• Studium, Berufseinstieg, Elternschaft
• Zunahme multipler Rollen
• Beruf + Care-Arbeit + mentale Organisation
• Hormonelle Veränderungen
• Pubertät, Schwangerschaft, Postpartum, Perimenopause
• Dauerhaftes Masking
• Leben gegen die eigene Neurobiologie
Klinisches Bild der Erschöpfung:
• emotionale Überforderung
• Reizbarkeit, innere Leere
• Konzentrationszusammenbruch
• depressive Symptome
• somatische Beschwerden
• Gefühl des „Nicht-mehr-Könnens“
Wichtig: Häufig erfolgt hier erstmals eine psychiatrische Abklärung – jedoch oft ohne ADHS-Fokus.
4. Berufliche Situation von Frauen mit ADHS
Typische Stärken:
• Kreativität & Ideenreichtum
• Empathie & soziale Kompetenz
• Hyperfokus bei Interesse
• Intuition & schnelles Erfassen von Zusammenhängen
Typische Schwierigkeiten:
• Zeitmanagement & Priorisierung
• administrative Tätigkeiten
• Reizüberflutung
• Schwierigkeiten mit Routine
• hohe emotionale Belastung bei Kritik
Häufige berufliche Muster:
• häufige Jobwechsel
• hohe Leistung mit hohem Energieverbrauch
• Unterforderung oder Überforderung
• Selbstständigkeit als Versuch von Autonomie
Ohne Diagnose wird Leistung oft mit Selbstüberforderung erkauft.
5. Partnerschaft & Beziehungen bei ADHS-Frauen
Typische Dynamiken:
• Ungleichgewicht von Verantwortung („Mental Load“)
• emotionale Intensität
• Missverständnisse durch Vergesslichkeit oder Ablenkbarkeit
• Schuld- und Schamgefühle
Häufige innere Themen:
• „Ich bin zu viel / nicht genug“
• Angst, andere zu enttäuschen
• Bedürfnis nach Nähe vs. Überforderung
Ohne Diagnose:
• ADHS-Symptome werden als Charakterfehler interpretiert
• Konflikte eskalieren oder werden vermieden
• Selbstwert leidet erheblich
Mit Verständnis & Behandlung kann Partnerschaft deutlich entlastet und stabilisiert werden.
6. Bedeutung von Diagnose & Behandlung
Eine korrekte ADHS-Diagnose bedeutet für viele Frauen:
• Entlastung statt Schuld
• Neubewertung der eigenen Biografie
• gezielte Behandlung (medikamentös & psychotherapeutisch)
• Entwicklung nachhaltiger statt erschöpfender Strategien
Zentrale Botschaft:
Frauen mit ADHS sind nicht zu sensibel, zu chaotisch oder zu schwach –
sie haben oft jahrelang über ihre Kräfte hinaus funktioniert.



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