Antreiber für Perfektionismus – Anzeichen für ADHS ? Oder auch andere Gründe?
- andrea maierhofer
- 10. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Andrea Maierhofer, 10.1.2026, (2 min Lesezeit)
Das ist eine sehr zentrale, therapeutisch wichtige Frage – und sie lässt sich nicht mit nur einem Grund beantworten, die Ursachen sind viel komplexer. Wir beleuchten hier aber speziell den Connex zu ADHS bei Frauen.
Bei Frauen mit ADHS entsteht der starke innere Leistungs- und Kompensationsantrieb aus mehreren sich gegenseitig verstärkenden Ebenen:
neurobiologisch, psychologisch und sozial.
Was treibt nun viele Frauen mit ADHS an, so viel zu leisten und zu kompensieren?
Kurzfassung:
Nicht (nur) Ehrgeiz, sondern Angst vor Versagen, Ablehnung und Kontrollverlust ist häufig der innere Motor.
1. Neurobiologischer Antrieb: Motivation über Druck
Bei ADHS ist das Belohnungs- und Motivationssystem anders reguliert.
Typisch:
• Alltägliche Aufgaben aktivieren wenig Motivation (schnell langweilig)
• Stress, Zeitdruck und emotionale Dringlichkeit wirken dagegen stark aktivierend
• Leistung entsteht oft erst unter innerem oder äußerem Druck
Viele Frauen lernen früh:
„Ich funktioniere nur, wenn ich mich selbst stark antreibe.“
Das fühlt sich nicht freiwillig an, sondern notwendig.
2. Frühe Erfahrung: „Ich muss mich mehr anstrengen als andere“
Viele Frauen mit ADHS erleben schon früh:
• „Du könntest so viel, wenn du dich mehr konzentrierst“
• „Warum bist du so chaotisch?“
• „Streng dich doch einfach mehr an“
Die Botschaft dahinter: Mit mir stimmt etwas nicht – ich muss das ausgleichen.
Daraus entsteht ein innerer Antreiber, ständig besser, organisierter und zuverlässiger zu sein als nötig.
3. Scham als starker innerer Motor
Scham ist bei ADHS-Frauen häufig zentral.
Typische Schamthemen:
• Vergesslichkeit
• emotionale Reaktionen
• Chaos
• Unzuverlässigkeit (gefühlt)
Leistung wird dann:
• Schutz vor Bloßstellung
• Mittel zur Selbstwertregulation
• Beweis von „Genugsein“
Leistung ersetzt Selbstwert.
4. Perfektionismus als Schutzstrategie
Perfektionismus ist bei ADHS keine Persönlichkeitsstörung, sondern oft ein Schutzmechanismus.
Er dient dazu:
• Fehler zu vermeiden
• Kritik zuvorzukommen
• Kontrolle zu behalten
• innere Unsicherheit zu beruhigen
„Wenn alles perfekt ist, fällt niemandem auf, wie anstrengend es für mich ist.“
5. Anpassung & Beziehungsorientierung
Viele Frauen mit ADHS sind:
• hoch empathisch
• stark beziehungsorientiert
• sensibel für Stimmungen
Das führt zu:
• Übernahme von Verantwortung für andere
• Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen
• Vernachlässigung eigener Grenzen
Leistung wird zum Beziehungswerkzeug:
Ich werde geliebt, wenn ich funktioniere.
6. Kontrolle gegen innere Unruhe
ADHS geht oft mit:
• innerem Chaos
• Gedankensprüngen
• emotionaler Intensität
Ein hohes Maß an Leistung und Struktur vermittelt:
• Halt
• Ordnung
• Beruhigung
Aktivität reguliert innere Unruhe.
7. Warum das so lange „gut funktioniert“
Diese Strategien sind:
• effektiv
• sozial anerkannt
• leistungsbelohnt
Aber:
• sie sind energieintensiv
• sie ignorieren die eigene Neurobiologie
• sie führen langfristig zu Erschöpfung
Frauen mit ADHS leisten nicht so viel, weil sie „zu ehrgeizig“ sind, sondern weil sie gelernt haben, dass Stillstand, Fehler oder Nachlassen zu viel kosten.
Wichtige Botschaft (vielleicht tröstlich?)
• Der innere Antreiber ist verständlich
• Er war oft lebensnotwendig
• Er darf heute neu verhandelt werden
ADHS-Behandlung bedeutet nicht weniger leisten, sondern: anders, passender, nachhaltiger, irgendwie leichter leben.




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