Binge Eating: Wenn Essen zum Ventil wird – und Schuld und Scham zurückbleiben
- andrea maierhofer
- 1. März
- 3 Min. Lesezeit

Andrea Maierhofer, 1.3.2026, (3 min Lesezeit)
Viele Betroffene brauchen lange bis sie sich mitteilen.
Auch mir als Psychiaterin wird das Problem oft nicht schon im ersten Gespräch beschrieben, sondern erst in Folgegesprächen.
Betroffene beschreiben die Situation dann ähnlich:
Ein innerer Druck baut sich auf.
Unruhe. Leere. Anspannung.
Dann beginnt das Essen – schnell, viel, oft heimlich.
Und danach?
Schuld. Scham. Selbstvorwürfe.
Binge Eating ist kein „Mangel an Disziplin“. Es ist ein ernstzunehmendes psychisches und neurobiologisches Geschehen. Und hat Gründe.
Was ist Binge Eating genau?
Die Binge-Eating-Störung ist eine eigenständige Essstörung.
Kennzeichnend sind:
• wiederkehrende Essanfälle
• Kontrollverlust während des Essens
• Essen großer Mengen in kurzer Zeit
• starkes Scham- und Schuldgefühl danach
• keine regelmäßigen kompensatorischen Maßnahmen (kein Erbrechen, kein exzessiver Sport- kann aber vorhanden sein)
Das unterscheidet sie von der Bulimia nervosa.
Ist Binge Eating „nur“ eine Essstörung?
Nein. Es ist eine Essstörung – aber gleichzeitig oft Ausdruck tiefer liegender psychischer Belastungen.
Binge Eating tritt gehäuft auf bei:
• Depression
• Angststörungen
• ADHS
• Trauma-Folgestörungen
• emotional instabilen Persönlichkeitsmustern
• chronischem Stress
• starkem Perfektionismus
Es handelt sich häufig um einen Regulationsversuch des Nervensystems.
Was passiert neurobiologisch?
Ein Essanfall aktiviert:
• Dopamin (Belohnung)
• Opioidsystem (Beruhigung)
• kurzfristige Stressreduktion
Viele Betroffene erleben vor dem Anfall:
• innere Unruhe
• Überforderung
• emotionale Taubheit
• Einsamkeit
• Selbstkritik
Das Essen wirkt kurzfristig regulierend. Langfristig verstärkt es jedoch das Problem (auch körperlich.)
Warum begleiten Schuld und Scham das Binge Eating?
Schuld entsteht durch:
• Kontrollverlust
• Widerspruch zu eigenen Idealen
• Diätversprechen, die „gebrochen“ werden
Scham geht tiefer.
Scham sagt nicht: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Sondern: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Viele Betroffene essen nämlich heimlich.
Sie verstecken Verpackungen.
Sie isolieren sich.
Scham ist einer der stärksten Aufrechterhaltungsfaktoren.
Welche Personengruppen sind besonders häufig betroffen?
• Frauen häufiger als Männer (aber Männer sind oft unterdiagnostiziert)
• Menschen mit restriktiven Diätbiografien
• Personen mit hohem Leistungsanspruch
• Menschen mit emotionaler Vernachlässigung oder Trauma
• Personen mit ADHS (Impulsivität + Emotionsregulation)
Nicht alle Betroffenen sind adipös. Viele sind sehr schlank.
Ursachen: Warum entsteht es?
Die Ursachen für Binge Eating sind multifaktoriell:
1. Biologisch
• Dysregulation von Dopamin
• Impulsivitätsneigung
• genetische Vulnerabilität
2. Psychologisch
• Emotionsregulationsdefizite
• Selbstwertproblematik
• Perfektionismus
• Schwarz-Weiß-Denken („Ganz oder gar nicht“)
3. Soziokulturell
• Diätkultur
• Schlankheitsideal
• Stigmatisierung von Gewicht
Oft beginnt es mit restriktivem Essen.
Restriktion → Heißhunger → Kontrollverlust → Schuld → erneute Restriktion.
Ein Teufelskreis.
Ist Binge Eating eine psychosomatische Erkrankung?
Es ist eine psychische Erkrankung mit deutlicher körperlicher Auswirkung.
Die körperlichen Folgen können sein:
• Gewichtszunahme
• metabolisches Syndrom
• Insulinresistenz
• Bluthochdruck
• Gelenkprobleme
Die psychische Belastung ist jedoch meist noch größer als die körperliche.
Was kann man medikamentös tun? Gibt es Medikamente, die helfen?
Medikamente sind nicht die alleinige Lösung – können aber unterstützen.
Möglichkeiten (je nach individueller Situation):
• SSRI bei begleitender Depression oder Zwang
• Lisdexamfetamin (zugelassen in einigen Ländern . nicht in Österreich )
• Topiramat (Off-Label)
• Naltrexon/Bupropion (in bestimmten Konstellationen)
Medikation kann:
• Impulsivität reduzieren
• Heißhunger senken
• emotionale Instabilität verbessern
Aber: Ohne psychotherapeutische Arbeit bleibt die Ursache oft bestehen.
Warum ist Psychotherapie so wichtig?
Weil Binge Eating kein Essproblem allein ist!
Psychotherapie hilft bei:
• Emotionsregulation
• Aufbau von Selbstmitgefühl
• Bearbeitung von Scham
• Traumaaufarbeitung
• Auflösung von Schwarz-Weiß-Denken
• Entwicklung stabiler Essstruktur
Kognitive Verhaltenstherapie zeigt gute Wirksamkeit.
Auch schematherapeutische und traumafokussierte Ansätze sind häufig sinnvoll.
Wie kann es besser werden?
Heilung bedeutet selten „nie wieder ein Essanfall“.
Sondern Heilung bedeutet:
• weniger Häufigkeit
• weniger Intensität
• weniger Scham
• mehr Selbststeuerung
Wichtige Schritte:
1. Regelmäßige Mahlzeiten (kein Hungern)
2. Trigger erkennen
3. Gefühle benennen lernen
4. Selbstkritik reduzieren
5. Unterstützung suchen
6. Bewegung nicht als Strafe, sondern als Regulation nutzen
Was können Betroffene konkret tun?
• Essanfälle dokumentieren – ohne Bewertung
• Sich nach einem Anfall nicht bestrafen
• Struktur in den Tag bringen
• Auslöser identifizieren (Stress, Konflikte, Einsamkeit)
• Professionelle Hilfe suchen (medikamentöse und therapeutische Unterstützung)
Und ganz wichtig: Schweigen verstärkt Scham. Geheimnisse bei sich zu behalten braucht viel Kraft. Reden reduziert die Scham. Freunde, Familienmitglieder werden es verstehen. Therapeuten, Psychiater und Hausärzte jedenfalls.
Zum Schluss:
Binge Eating ist keine Willensschwäche. Es ist ein ernstzunehmendes Regulationsmuster bei innerem Stress.
Schuld und Scham sind verständlich – aber sie sind nicht hilfreich.
Mit professioneller Unterstützung, Selbstmitgefühl und einem strukturierten Vorgehen kann sich das Essverhalten deutlich stabilisieren.
Es geht nicht um die perfekte Kontrolle.
Es geht um ein freundlicheres Verhältnis zu sich selbst.




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