„Ich hatte eigentlich eine schöne Kindheit – und trotzdem fühle ich mich erschöpft“
- andrea maierhofer
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Andrea Maierhofer, 18.1.2026, (2 min Lesezeit)
Viele Patienten beginnen, wenn ich Sie frage, wie sie denn aufgewachsen sind: „Ich hatte eigentlich eine schöne Kindheit.“
Auf den ersten Blick klingt das positiv – und doch kommen dieselben Menschen im Erwachsenenalter erschöpft, ängstlich oder depressiv zu mir.
Meist lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn oft ist die Kindheit nicht so unbeschwert, wie sie auf den ersten Blick erscheint.
Nicht alles muss Gewalt oder Missbrauch sein
Viele Patienten wurden nicht missbraucht oder geschlagen, trotzdem:
• Sie fühlten sich emotional vernachlässigt
• Waren oft alleingelassen
• Erlebten keine wirkliche Unterstützung, um Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln
• Dadurch konnte sich kein stabiler Selbstwert aufbauen.
• Das Urvertrauen, die grundlegende Sicherheit in sich selbst und in der Welt, wurde nicht nachhaltig aufgebaut.
Warum der Satz „Ich hatte eine schöne Kindheit“ gerne und oft verinnerlicht wird
Eltern wollen oft positiv darstellen, was sie erlebt haben: „Du hattest doch alles.“
Kinder lernen diesen Satz und verinnerlichen ihn – selbst, wenn sie innerlich andere Erfahrungen gemacht haben.
Als Erwachsene fühlen sie sich dann oft selbst schuld, wenn sie Erschöpfung, Ängste oder Depressionen entwickeln, obwohl „alles in Ordnung“ war. Kann ja nicht sein!
Warum es sich trotzdem lohnt, die Kindheit zu beleuchten
Man beginnt oft zu verstehen, wo die Schwierigkeiten herkommen (und auch der diffuse Schmerz)
Auch kleine Vernachlässigungen oder emotionale Distanz prägen ein Kind sehr und beeinflussen später das Erwachsenenleben, Beziehungsgestaltung allgemein, Partnerschaft, Elternschaft.
Patienten nehmen ihre Eltern oft gerne in Schutz: "Die hatten auch ihr Päckchen zu tragen, die hatten es auch nicht leicht, die wurden als Kinder ja geschlagen hatten selber gefühlsarme Eltern. Schon klar, das erklärt Vieles, macht es aber nicht besser.
Es geht nicht um Schuld oder Schuldzuweisung, sondern um Verständnis für die eigene Entwicklung. Verständnis für die eigenen Muster die wir immer wieder bedienen, bewusst oder unbewusst.
Innere Muster erkennen und merken lernen, wann sie anlaufen
Wer nie Selbstwirksamkeit erleben konnte, lernt möglicherweise schwer, eigene Bedürfnisse zu erkennen oder Grenzen zu setzen. Der hat seine Bedürfnisse als Kind wahrscheinlich unterdrücken müssen, um Harmonie zu bewahren und mit den Eltern in Verbindung zu bleiben. Denn als Kind hängt das (Über-) Leben davon ab. Leider prägen sich solche Muster mit einer großen Wucht ein, sie wiederholen sich, wenn Eltern und später die erwachsenen Kinder nicht reflektieren.
Heilung beginnt mit Bewusstheit. Und Akzeptanz: Das war wirklich so! So toll war es eigentlich gar nicht!
• Die eigene Geschichte zu reflektieren, erlaubt, alte Verletzungen zu erkennen und zu bearbeiten.
• Das stärkt Selbstwert, Selbstvertrauen und Resilienz – unabhängig davon, wie „schön“ die Kindheit auf den ersten Blick war.
Fazit
Die Aussage „Ich hatte eigentlich eine schöne Kindheit“ ist oft eine vereinfachte Erzählung, die Schutzmechanismen, gesellschaftliche Erwartungen und elterliche Botschaften widerspiegelt.
Die Wahrheit liegt aber oft tiefer und ist komplizierter:
• Selbst ohne offensichtliche Traumata kann emotionale Vernachlässigung oder fehlende Unterstützung Spuren hinterlassen.
• Genau hier lohnt es sich, hinzuschauen, sich zu reflektieren und Unterstützung zu suchen.
Denn nur so kann Selbstwert wachsen, Selbstwirksamkeit erlebt werden und die psychische Gesundheit gestärkt werden – auch als Erwachsener.




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